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Wien/Innsbruck: Über den Umgang mit religiösen Minderheiten am Beispiel Neuer Religiöser Bewegungen

Von Dr. Peter Schulte

Vortrag vom 8.12.2008, anlässlich des Symposiums „Diskriminierung aus religiösen Gründen“,
Universität Wien, Juridikum
Folgender Text ist eine Leseprobe aus dem Buch.

"Diskriminierung aus religiösen Gründen"
:

1. Einleitung

Dr. SchulteIn Österreich hat die staatliche Informationstätigkeit in Bezug auf so genannte Sekten zugenommen. Jüngste Beispiele sind die Einrichtung der Landesstellen in Niederösterreich und Tirol sowie auf Bundesebene die Bundesstelle für Sektenfragen mit Sitz in Wien. Darüber hinaus existieren in jedem Bundesland kirchliche Religions- und Weltanschauungsreferate, die entweder der evangelischen oder der katholischen Kirche zugeordnet werden können. Außerdem finden sich private Informations- und Beratungsstellen sowie die vom ehemaligen Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie geförderten Familienberatungsstellen mit dem Schwerpunkt „Beratung bei familiären Problemen in Sektenfragen.

Alle Einrichtungen bieten Beratungs- und/ oder Informationsdienstleistungen an, wobei mehr über quantitative Anfrageprofile als über konkrete individuelle Problemkonstellationen und damit verbundene Beratungskonzepte bekannt ist

Allen Einrichtungen und Initiativen ist gemeinsam, dass ihnen bei der Ausübung ihrer Tätigkeit ein hohes Maß an Verantwortung sowohl gegenüber der Öffentlichkeit als auch gegenüber religiösen und weltanschaulichen Gruppierungen zukommt. Insbesondere staatliche Initiativen sind angehalten, ihre Informations- und Aufklärungsarbeit so zu gestalten, dass die individuelle Religionsfreiheit, welche meist in Verfassungsrang stehenden Gesetzen und internationalen Verträgen festgelegt wurde, gewährleistet wird. Demnach wird hierzulande allen Menschen die volle Glaubens- und Gewissensfreiheit gewährt. Daraus ist abzuleiten, dass Unterschiede in der Religion, im Glauben oder im religiösen Bekenntnis keine Benachteiligung der bürgerlichen und politischen Rechte nach sich ziehen dürfen.

Obwohl der Staat Religionsfreiheit garantiert, werden Religionsgemeinschaften dennoch ungleich behandelt. Diese Ungleichbehandlung zeigt sich nicht nur auf der rechtlichen, sondern auch auf der gesellschaftspolitischen Ebene. Seit nahezu 40 Jahren ist zu beobachten, dass neue Teilnehmer am Markt der Religionen benachteiligt werden, diese Benachteiligung betrifft nicht nur das öffentliche Image der Neuen Religiösen Bewegungen selbst, sondern auch den gesellschaftlichen Umgang mit ihren Mitgliedern. Unterstellt wurde und wird ihnen in der Regel kulturelle Fremdheit, elitäres Selbstbewusstsein, autoritäre Führungsstrukturen sowie die beabsichtigte wirtschaftliche Ausbeutung und psychologische Manipulation ihrer Mitglieder.

Des Weiteren wird unterstellt, dass Menschen sich unkritisch und ohne eigenen freien Willen einer Bewegung anschließen, die Glück und Seelenheil verspricht, letztendlich aber nur in ihrem Eigeninteresse handelt. Dafür sollen die neuen Mitglieder alles aufgeben: Beruf, Familie und das gesamte soziale Umfeld. Nach den Gründen, warum sich jemand einer Neuen Religiösen Bewegung anschließt und welche Bedeutung diese für das eigene Leben hat, fragt in der Regel niemand. Doch woher kommen diese Annahmen und Unterstellungen? Sind sie ein Produkt medialer Inszenierungen, ein Hirngespinst fanatischer „Sektengegner“ oder beruhen sie auf allgemein bekannten und nachvollziehbaren Tatsachen.

Gehen wir noch einmal zurück in die späten sechziger Jahre. Junge Menschen, meist Studenten und Studentinnen aus den mittleren sozialen Schichten proben den Aufstand, einen Aufstand gegen das Establishment, also die Herrschenden und Regierenden, gegen die Herrschaft des Kapitals und ihren Repräsentanten. Die Familie als wichtigste Säule der Gesellschaft wird in Frage gestellt, sie muss sich, ebenso wie die herrschende Klasse, dem Vorwurf verdrängter Vergangenheitsbewältigung in Bezug auf die Naziherrschaft aussetzen. Der Elterngeneration wird mangelndes Schuldbewusstsein und fehlendes Reflexionsvermögen vorgeworfen.

Dem biederen Familienidyll der sechziger Jahre werden neue Formen des Zusammenlebens entgegen gesetzt. Wer sich nicht unter Zuhilfenahme psychedelischer Substanzen auf eine innere Reise begibt, der versucht es mit spirituellen Reisen. Diejenigen, die sich nicht mit Hermann Hesses „Siddharta“ begnügen, ein Buch das den Zen-Buddhismus dem Westen nahe bringt, begeben sich auf Reisen zu Baghwan nach Poona, in Meditationsgruppen von Sri Chinmoy, in Runden der Transzendentalen Meditation oder finden Antworten auf elementare Fragen bei Sahaja Yoga. Die Attraktion und magische Anziehungskraft fernöstlicher Religionen hat Europa erreicht. Eine völlig neuartige und spirituelle Kraft begeistert viele junge Menschen dieser Zeit. „Sekten“ waren plötzlich Gegenstand gesellschaftspolitischer Diskussionen und tauchten als „verführerische Heilsbringer“ in den Fußgängerzonen von Großstädten auf. Sie wurden als gefährliche Gruppen dargestellt, die unter dem Deckmantel des Religiösen ihre eigene Anhängerschaft ausbeuten und manipulieren.

Vor dieser neuen Gegebenheit des sich Hinwendens an einen spirituellen Meister oder an eine bisher völlig unbekannte religiöse Schule wurde in erheblichem Maße von Seiten des Staates und der Großkirchen gewarnt. Für manche Beobachter führte dieses Verhalten zu einer neuen Form der Inquisition, wobei heutzutage keine Scheiterhaufen mehr brennen, sondern mediale Hinrichtungen stattfinden. Neureligiöse Bewegungen wurden als Hindernisse gesehen, welche traditionelle religiöse Werte und Normen in Frage stellten. Doch das war nicht ihr Anliegen. Einen ernstzunehmenden Grund nennt der Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek:

„Zwar sind diese [neureligiösen Bewegungen, Anm. des Autors] den Kirchen grundsätzlich gar nicht feindlich gesinnt; zwar kümmern sie sich primär gar nicht um die Kirchen, solange sie von den kirchlichen Sektenbeauftragten nicht vehement angegriffen werden; zwar ist die Kirchenaustrittswelle keineswegs hauptursächlich durch die sog. Sekten bewirkt, sondern auf dem Hintergrund des Säkularismus und Konsumismus zu sehen und einzuordnen. Aber die Kirchenführer beider Konfessionen können bei alldem natürlich nicht übersehen, daß sie nur noch Friedhofsverwalter institutionalisierter, weitgehend verkrusteter, erstarrter Religion sind, während lebendige, erfrischende Religiosität und Spiritualität jenseits der grauen Kirchenmauern bei den sog. Sekten blüht und gedeiht“

Die Kirchen waren die ersten, die eigene Sektenreferate einrichteten und „Aufklärungsarbeit“ leisteten. Eine weniger charmante Bezeichnung für Neue Religiöse Bewegungen war zu dieser Zeit der Begriff „Jugendreligion“ oder auch „Jugendsekte“, wobei beide Begriffe unzutreffend sind: „Weder handelt es sich dabei um Angebote ausschließlich für junge Menschen, wenn auch die ersten Anhänger im westlichen Kontext vornehmlich jüngere Menschen waren, noch ist der Begriff „Sekte“ im Sinne einer „Abspaltung“ bzw. „Abtrennung“ sachlich unzutreffend, da es sich nicht um „Häresien“ handelt“

Das perfide an dieser Etikettierung ist eigentlich, dass in der Vergangenheit diejenigen religiösen Gruppen von der Kirche als „Sekte“ bezeichnet wurden, die von sich aus den Anspruch erhoben, dem Vorbild Jesus näher zu sein, als es die jeweils amtierende Kirche war. Die Anhänger dieser damaligen neureligiösen Bewegungen nahmen für sich in Anspruch, eine dem der Bibel nach entsprechenden Glauben zu leben. Sie wünschten sich eine volksnahe Kirche und eine Kirchenobrigkeit, die sie unterstützt und nicht unterdrückt. Beispiele sind die Katharer, eine der bedeutendsten religiösen Bewegung des Mittelalters, von den Zeitgenossen auch Albigenser, Patarener oder Manichäer genannt.  Sie breiteten sich im 12. und 13. Jahrhundert, von Köln aus kommend, vor allem in Südfrankreich und Oberitalien aus.

Als kirchenkritische Bewegung lehnten sie die Ehe, Eid und Kriegsdienst sowie Bilder-, Heiligen- und Reliquienverehrung ab. Wirksame Elemente ihrer Bewegung waren u.a. die freie Laienpredigt und somit die Ablehnung des Priestertums, das Vorbild der Armut und die Beseitigung des Zehnten. Eine weitere einflussreiche Bewegung waren die Waldenser, eine Bewegung der inneren Mission, der Volkspredigt, getragen von Missionaren in der Art der Apostel, die in der Volkssprache predigten.

„Auf das kirchliche Verbot hin wurden sie zur Sekte, in der die religiöse Gleichheit aller Gläubigen, der Frauen und Männer zu Grunde lag und in der wie bei den Katharern das Bußsakrament von den frommen Asketen verwaltet wurde, die in Armut, Ehelosigkeit und heimlicher Seelsorgetätigkeit überall umherzogen. Sie verwarfen das Fegefeuer und die Einwirkung auf das Fegefeuer, die Ablässe und die Heiligenanrufung, das Schwören und Vergießen von Menschenblut, die Todesstrafe und den Krieg, stellten jeden auf seine eigenen persönlichen Leistungen und guten Werke, d.h. auf seine religiöse Subjektivität“

Ein weiteres Beispiel sind die Hutterer, eine Täuferbewegung aus Tirol/ Südtirol, die zu Zeiten Martin Luthers weit mehr als 20.000 Anhänger hatte. Was war ihr Verbrechen? Zentrales Merkmal dieser kirchenkritischen Bewegung war ein Zusammenleben in Gütergemeinschaften, ihr ausgeprägter Pazifismus sowie die Trennung von Staat und Kirche. Ihrem Gewissen folgend verweigerten sie ihren Fürsten den Treueeid und den Wehrdienst.

Das Schicksal dieser damaligen Neuen Religiösen Bewegung endete in einer beispiellosen Hetz- und Vertreibungsjagd seitens der damaligen Landesregierung und der Amtskirche und hat bis heute tiefe Wunden hinterlassen, die nicht heilen wollen.

In historischer Sicht galten „Sekten“ also als (Laien-) Bewegungen, welche sich den Lehren der Urkirche verschrieb: zu leben wie die Apostel, durch die Welt hindurch zu predigen und den Massen ein gutes Beispiel sein. Die Folgen sind bekannt: Die Bildung des Ketzerrechtes, alle Opposition wurde in die „Sekte“ gedrängt, das selbständige Laienchristentum auf Schärfste abgegrenzt (durch Kleidung, Kultsprache und Lebenshaltung) und die Theologie setzte sich technisch – scholastisch aller populären Literatur entgegen und das Recht wurde eine hoch gelehrte Sache der Juristen. Der Begriff „Sekte“ hatte somit eine Abgrenzungsfunktion gegenüber religiösen Abweichlern gehabt. Von Gehirnwäsche, Psychomanipulation und wirtschaftlicher Ausbeutung wurde damals noch nicht gesprochen, eher vom „falschen“ Glauben oder einer Irrlehre.

In der heutigen Zeit existieren Bilder von „Sekten“, die einer kaum zu überblickenden definitorischen Vielfalt ausgesetzt sind. Waren es in der jüngsten Vergangenheit überwiegend religiöse Bewegungen aus dem fernöstlichen Raum, welche die Aufmerksamkeit der Sektenbeauftragten erregte, so wird heutzutage der Fokus zusätzlich auf kommerzialisierte Sinn- und Lebenshilfeangebote im Bereich der Esoterik oder alternativ-medizinischer Ansätze gelegt. Des Weiteren stehen freie christliche Gemeinden und evangelikale Bewegungen, die sich zunehmender Beliebtheit erfreuen, im Kreuzfeuer der Kritik. Angetreten als reformatorische Bewegung des Protestantismus, stellen sie eine ernstzunehmende und ärgerliche Konkurrenz für die evangelische Kirche dar, die ihnen missionarischen Eifer und Fundamentalismus und sektenähnliche Tendenzen vorwirft.

2. Der Umgang mit Neuen Religiösen Bewegungen heute

November 2008: Eine österreichische Werbeagentur weigert sich, Aufträge einer so genannten Sekte anzunehmen. Auf Nachfrage, was denn der Grund für diese Ablehnung sei, heißt es in der schriftlichen Begründung:

„Aufgrund der geltenden Bestimmungen ist die entsprechende Bewegung keine anerkannte Kirche. Aufträge dürfen somit von unserer Seite nicht angenommen werden“.

Von Mitgliedern einer in Österreich viel diskutierten „Sekte“ ist zu hören, dass Medien sich weigern, Werbeeinschaltungen für eine Ausstellung aufzunehmen, mit der Begründung, dass es bei besagter Ausstellung darum gehe, Mitglieder in die „Sekte“ zu schicken. Veranstaltungen der gleichen Gruppierung werden nicht beworben, mit der Begründung, dass es sich hier um keine anerkannte Religion handle.

Auf einem Friedhof in Innsbruck verschwindet auf mysteriöse Weise ein Kreuz aus Eisen von einem Grab. Angehörige kommen in die Beratung und berichten von einer Verbindung des Verstorbenen zur „Moon-Sekte“. Nach ihren Informationen besteht zwischen der Entwendung des Kreuzes und der „Sekte“ ein Zusammenhang.

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, im alltäglichen Sprachgebrauch als „Mormonen“ bekannt, sind in seit 1955 Österreich eine staatlich anerkannte Kirche und Religionsgesellschaft, ebenso wie die katholische Kirche oder die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich. Eine im Jahr 2006 mittlerweile zum dritten Mal aufgelegte Broschüre über Kirchen und Religionsgemeinschaften in Tirol enthält auf neun Seiten eine Selbstdarstellung der beschriebenen Kirche, neben weiteren acht in Tirol ansässigen staatlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften. Die Veröffentlichung dieser Broschüre führte zu kritischen Rückfragen seitens einiger kirchlicher Sektenbeauftragten, speziell aus Deutschland, da diese den Mormonen kritisch gegenüber stehen.

Von politischer Seite stehen die Mormonen ebenfalls im Kreuzfeuer der Kritik. So auch im Jahr 2006. Eine aufmerksamkeitswirksame Schlagzeile in einer Tiroler Zeitung lautet:

„Jetzt schlägt’s aber 13! Tiroler FP-Chef will die Mormonen überwachen“.

Demnach stehe er nicht nur dem Islam skeptisch gegenüber, sondern auch der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen). Hintergrund ist eine Einladung der Mormonen an die FPÖ, der kommenden Pfahlkonferenz (einer Art Diözese) beizuwohnen. Die Reaktion des FPÖ Chefs:

„Wie bitte? Pfahlkonferenz, Kirche... der Letzten Tage? Das klingt nach dunkler Sekte und nach Weltuntergang“

Begleitet wird diese Meldung mit dem Bild einer Überwachungskamera, welche den Text plakativ untermauert.

Im Jahr 2007 erscheint ein religiöser Stadtplan für Innsbruck. Herausgeber ist eine Christlich – Muslimische Dialoggruppe. Stadt und Land unterstützen diesen Stadtplan. In besagtem Plan werden religiöse Gemeinden aufgeführt, die, so die Dialoggruppe: „regelmäßig Gottesdienst feiern bzw. regelmäßig in Gemeinschaft beten oder meditieren“. Damit sind katholische, evangelische, jüdische, orthodoxe und buddhistische Gemeinden gemeint. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben, für Hinweise sei man dankbar. Hinweise, dass die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) auf diesem Stadtplan ebenso wenig zu finden seien wie diverse freie christliche Gemeinden wird mit dem Argument mangelnder Gesprächsbereitschaft und der Verweigerung des interreligiösen Dialogs begegnet.

In Innsbruck findet ein 14tägiger Heilungsgottesdienst einer christlichen Gemeinschaft statt, die einer südafrikanischen Erweckungsbewegung entstammt. Ursprünglich als Seelsorge- und Betreuungseinrichtung für afrikanische Studenten vorgesehen, entwickelte sich die Gemeinschaft zu einer größeren lokalen Gemeinde mit regem Zulauf. Während der Heilungsgottesdienste geht ein Gerücht in Innsbruck umher, demnach diese Gemeinde die HIV-Kombinationstherapie verbiete. Nachfragen und Besuche einiger Veranstaltungen zeigen, dass sich die Vorwürfe als völlig haltlos erweisen. Vielmehr sind in den hoffnungslos überfüllten Veranstaltungsräumen gut gelaunte Menschen anzutreffen, die mit Jesus in Kontakt treten möchten. Vorne warten unheilbare Krebspatienten der Universitätsklinik Innsbruck, welche, in Begleitung ihrer behandelnden Ärzte, Heilung im geistigen Sinn wünschen und erhalten.

Ein Mitarbeiter eines Innsbrucker Großraumbüros fragt an, ob Mundgeruch ein typisches Merkmal einer „Sekte“ sei. Sein Büronachbar scheint offenbar diese Kriterien zu erfüllen und ist obendrein noch ein Anhänger der Neuapostolischen Kirche. So fügt sich anscheinend alles zusammen.

Eine freie evangelikale Gemeinde bezieht Gemeinderäumlichkeiten in einem kleinen Dorf in Tirol. Dies war ihr erster Fehler. Sie geben sich im katholischen Tirol als Christen zu erkennen. Dies war ihr letzter Fehler. Denunzierungen und Anschuldigungen im Hinblick auf „sektenhaftes“ Treiben sind die Folge. Nach Monaten boshafter Auseinandersetzungen wechseln die Gründer der Gemeinde entnervt ihren Standort.

Eine Fachtagung über „Sekten“ im süddeutschen Raum. Eine Teilnehmerin und offenbar Beraterin in Sektenfragen berichtet, dass sie derzeit zahlreiche Aussteiger aus der Satanistenszene betreue. Mit Empörung reagiert sie auf die Frage, welchen satanistischen Hintergrund denn diese Aussteiger haben. Verständnisfragen zu beantworten gehört offenbar nicht zu ihren Aufgaben. Aleister Crowley, eine der zentralsten Figuren dieses Bereichs, ist ihr völlig unbekannt.

In der Beratungsarbeit ist evident, dass der Begriff „Sekte“ als Teil eines größeren Interaktionssystems verstanden werden muss. „Sekte“ kann der Einstieg in einen Beratungs- oder Gesprächsprozess sein, wobei der religiöse Hintergrund der entsprechenden religiösen Gruppe weniger bedeutsam ist als oft angenommen. Bei positiver compliance zwischen Berater und Klientin/ Klient zeigt sich oft ein differenziertes Bild, wobei soziale und psychologische Faktoren in Zusammenhang mit dem Beitritt zu einer Neuen Religiösen Bewegung außerordentlich bedeutsam sind. Nachvollziehbare Verlustängste, Bindungskonflikte oder auch nicht verarbeitete Probleme in der Familie oder auch zwischen zwei Menschen werden im Laufe des Gesprächsprozesses sichtbar und die Erarbeitung eigener Problembewältigungsmuster immer bedeutsamer. Selten kommen die Mitglieder Neuer Religiöser Bewegungen in die Beratung, sondern überwiegend deren Angehörige.

Die spektakulären Thesen von Psychomanipulation und Gehirnwäsche sollten zu Gunsten einer differenzierten Ursachenforschung aufgegeben werden. Was nutzt es Klienten, wenn sie ständig hören, dass nur die „Sekte“ schuld am Schicksal der Angehörigen ist. Eine solche Vorgehensweise dient eher der kurzfristigen Entlastung der Klienten als einer echten Problemanalyse. Schuld ist ein schlechter Ratgeber in der Beratungsarbeit. Außerdem verhindern Schuldzuweisungen jegliche Ursachenforschung, was einer Ablehnung psychologischer und psychotherapeutischer Herangehensweisen gleich kommt. Ist es nicht vielmehr der ständige Verweis auf die „Methoden“ einer „Sekte“, was uns Anlass zur Sorge geben sollte?

Es kommt hin und wieder vor, dass ehemalige Mitglieder staatlich anerkannter Kirchen und Religionsgemeinschaften um ein Beratungsgespräch ansuchen. Auch hier sind die Problemkonstellationen, ähnlich wie bei Neuen Religiösen Bewegungen Gruppen, meist sozialer und psychologischer Natur: Probleme mit autoritären Vorgesetzten, tief liegende Schuldgefühle in Hinblick auf das eigene abweichende Verhalten wie Auflehnung, Widerstand oder gar Kündigung, die Suche nach Hilfe in dieser besonderen Situation etc.

In der konkreten Praxis ist zu beobachten, dass Informationen über Neue Religiöse Bewegungen, die in den Medien verbreitet werden, oft nichts anderes sind, als die Generierung alten Wissens, welches schon seit über 30 Jahren im Umlauf ist. Es werden nach wie vor die gleichen Argumente vorgebracht: Unterwanderung von Staat und Gesellschaft, Gehirnwäsche, materielle und psychologische Ausbeutung sowie allerhand Mysteriöses, so als ob Magie und Zauberei auf sonderbare Weise am Werk sind. Substanzielles ist meist wenig dabei, konkrete Fakten Mangelware, die Religiosität der entsprechenden Gruppe wird völlig ausgeklammert bzw. wird dieser generell abgesprochen.

Es sind von Seiten der Medien auch immer noch die gleichen Neuen Religiösen Bewegungen die als konfliktträchtig dargestellt werden, hauptsächlich Scientology, die Zeugen Jehovas, die ehemalige Vereinigungsbewegung sowie satanistische Gruppen. Diese Gruppen besitzen deshalb medialen Unterhaltungswert, weil sie sich noch gut als Prototypen destruktiver Gemeinschaften vermarkten lassen. Ist es ein Zufall, dass gerade die Scientology Organisation im Rampenlicht medialer Aufmerksamkeit steht, zu dem Zeitpunkt, wo ihr prominentestes Mitglied, der Schauspieler Tom Cruise, in Berlin den deutschen Widerstandskämpfer Graf von Stauffenberg spielt? Zur gleichen Zeit erscheint eine deutschsprachige Biographie über Cruise und seine Verbindung zu Scientology. In Folge erscheinen weitere Informations- und Aufklärungsschriften und die Dinosaurier der Sektenaufklärung nutzen den Medienrummel um zu beweisen wie gefährlich Scientology eigentlich ist. Alles Zufall?

Der Hinweis auf eine „Sekte“ ist allerdings nicht unproblematisch, da dieser Begriff emotional negativ aufgeladen und mit destruktiven Eigenschaften verbunden ist. So schreibt der Rechtswissenschaftler und Soziologe Alfred Noll: „Schon die Verwendung des Begriffs „Sekte“ ist freilich anachronistisch, indiziert eine parteiische Haltung und verweist auf vormoderne Verhältnisse (in denen, basierend auf der christlichen Tradition, alle anderen Glaubensinhalte zur „falschen Religion“ erklärt werden). Durch den Begriff „Sekte“, der unter den Verhältnissen einer Staatskirche eine soziale, jedenfalls eine staatsrechtliche Realität dargestellt haben mag, werden doch heute nur die alten, vorbürgerlichen Patronatsrechte und –pflichten des Staates im Interesse der Staatsreligion in Erinnerung gerufen und dem Staat ein entsprechendes politisches Handeln nahe gelegt. Dies aber steht weithin im Widerspruch zur verkündeten Religionsfreiheit und der Trennung von Staat und Kirche“ Folglich müssen auch Informationsbroschüren über „Sekten“, die von Seiten des Staates heraus gegeben werden, nicht anders als eine versteckte Parteinnahme für bestimmte Teilnehmer am Markt der Religionen angesehen werden.

Und der Wiener Verfassungsrechtler Heinz Mayer kommt zu dem Ergebnis: „Die Gefahr, gesellschaftlicher Ächtung anheim zu fallen ist groß; derjenige, der sich von den Ideen dieser Gruppen angezogen fühlt, der meint, dort Antwort auf ihn bewegende Fragen finden zu können, wird sich überlegen müssen, ob er bereit ist, gesellschaftliche, allenfalls auch berufliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Er wird sich also überlegen müssen, ob er sich einer Gruppe anschließen will, vor der staatliche Organe warnen. Er muss damit rechnen, erhebliche, persönliche Nachteile zu erleiden“. Dabei hätte der demokratische Rechtsstaat nicht nur die Aufgabe, ihre Mitbürger vor destruktiven Kulten zu schützen, sondern auch die Pflicht, religiöse Minderheiten vor Diskriminierung zu schützen.

Wer heutzutage Mitglied einer Neuen Religiösen Bewegung ist oder beabsichtigt, einer beizutreten, muss unter Umständen mit erheblichen sozialen und beruflichen Nachteilen rechnen. Einer so genannten Sekte anzugehören, dass bedeutet meist, einer Religionsgemeinschaft beizuwohnen, die in der öffentlichen Meinung ein negatives Image besitzt. Menschen nehmen von den „Sektenmitgliedern“ Abstand, weil ihnen unterstellt wird, dass sie Menschen beeinflussen und in Folge wirtschaftlich und psychisch ausbeuten. „Sektenmitglieder“ werden gemieden, weil Ihnen unterstellt wird, dass Sie gefährlich sind. Des Weiteren sind „Sekten“ Gegenstand einer überwiegend negativen medialen Berichterstattung und die Streuung von Nachrichten reicht heutzutage bis in den letzten Winkel der Provinz.

Zu tief haben sich der „Sektenbegriff“ und die damit verbundenen Zuschreibungen schon in unser Bewusstsein eingegraben, als dass wir bereit sind, den heutigen religiösen Pluralismus in seiner Mannigfaltigkeit anzuerkennen und zu respektieren. Festzustellen ist ebenso, dass der Begriff „Sekte“ eine definitorische Vielfalt erhalten hat, die von klassischen Definitionen erheblich abweicht. Waren letztere überwiegend auf den Glauben (Irrlehre, falscher Glauben) bezogen, so wird heute u.a. eher von Täuschung, der Anwendung von Psychotechniken und Psychomanipulation sowie Bewusstseins- und Verhaltenskontrolle gesprochen.

Wo finden wir heutzutage solche Informationen? Und wie werden sie verbreitet? Die wichtigsten Informationsträger sind die Unterlagen, die von Seiten der evangelischen und katholischen Kirche sowie von Bund und Ländern bereit gestellt werden. Beim Linzer Bibelwerk, einer Fortbildungseinrichtung der Diözese Linz, sind z.B. unterschiedliche Unterlagen zum Thema „Sekten“ erhältlich. Für einen ersten Überblick steht eine Downloadversion bereit, die sich jeder Interessierte herunterladen kann „Sekten“ so die Schrift, stehen im Zusammenhang mit einer „neuen Unübersichtlichkeit“.

Traditionelle Werte und Normen lösen sich auf und an dessen Stelle tritt der postmoderne Mensch mit all seinen selbst zu wählenden Optionen, die für die Bewältigung des Lebens notwendig sind. So schreibt das Bibelwerk: „Die wachsende Unübersichtlichkeit und Verunsicherung weckt in den Menschen das Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit, Überschaubarkeit und einfachen Antworten. An diesem Punkt entsteht eine heimliche Sehnsucht, die von Sekten(führern) zielsicher erkannt und ausgenützt wird“ Folglich fällt auch die Definition einer „Sekte“ entsprechend aus: „Eine  „Sekte“ ist eine religiöse Gruppe, die gefährlich ist“. Merkmale, die das Linzer Bibelwerk „Sekten“ zuschreibt, sind insbesondere eine pyramidenförmig aufgebaute Führungsstruktur, ein allein selig machender Anspruch sowie die Anwendung von Psychotechniken um Mitglieder anzuwerben und sie somit an die Gruppe zu binden.

Seitens des Bundes ist die Informationsbroschüre „Sekten – Wissen schützt“ bekannt, die mittlerweile nicht mehr heraus gegeben wird. In dem Kapitel über Methoden und Praktiken von „Sekten“ heißt es: „Experten halten fest, dass generell Menschen, die vor wichtigen Lebensentscheidungen stehen, potentielle Adressaten dieser Gruppierungen sind. Personen, die über eine gefestigte Lebenseinstellung verfügen, sind im Gegenzug weniger ’anfällig’. Junge Menschen gelten deshalb als gefährdet, weil sie in den Jahren der Pubertät und der Adoleszenz wichtige Weichen für ihr Leben stellen müssen“ Wer diese Experten sind, wird nicht verraten, ebenso wie auch die Urheber dieser Schrift namentlich nicht genannt werden. Anders als bei den „Sektenmerkmalen“, die vom Linzer Bibelwerk beschrieben werden, wird in der Informationsbroschüre des Bundesministeriums für Umwelt, Jugend und Familie nicht von Psychotechniken, sondern von Psychomanipulation gesprochen. In einfachen Worten bedeutet das soviel wie das „Aufbrechen“ einer Person, eine bewusste Persönlichkeitsveränderung sowie das Fixieren der Person an die entsprechende Gruppe. Annähernd identisch mit dem Linzer Bibelwerk  sind die Ausführungen über „Methoden und Praktiken“ von „Sekten“: Verhaltens-, Gedankens-, Gefühls-, Informations- und Milieukontrolle.

3. Wissenschaftliche Untersuchungen

Unberücksichtigt bleiben in diesem Kontext wissenschaftliche Untersuchungen, die über die theologische Apologetik hinausgehen und beobachtbare soziologische und psychologische Faktoren ins Zentrum ihrer Betrachtungen rücken. Die Forschung in diesem Bereich ist allerdings als verbesserungsfähig zu bezeichnen, da es kaum Publikationen zum Thema gibt. Die Ursache liegt vermutlich darin begründet, dass die „Sektenthematik“ in der Vergangenheit ein Aufgabengebiet von kirchlichen Einrichtungen war, welche aufgrund ihrer institutionellen Aufgaben keinen direkten Bezug zur Forschung aufwiesen. Ein weiterer Grund war das mangelnde Interesse seitens des Staates, da dieser die Bearbeitung von „Sekten“ weitestgehend den Amtskirchen überließ und sich somit kein Anlass zum Handeln ergab. Das Seelenheil wurde überwiegend als eine Aufgabe der Kirchen bzw. der Religionsgemeinschaften angesehen.

Dementsprechend lag es nahe, die Beobachtung, Analyse und Bewertung „alternativer“ Religionsgemeinschaften bzw. Neuer Religiöser Bewegungen oder auch so genannter Sekten als eine Aufgabe der Amtskirchen zu betrachten. Folglich waren es auch sie, die im Zuge dieses Aufgabenspektrums, Informations- und Aufklärungsarbeit leisteten. Ihr Hinweis auf Unzulänglichkeiten und Versuchungen von Gurus, den Prinzipien von Geld, Macht und Gier zu unterliegen, ist anzuerkennen, ebenso wie der Hinweis auf nahe liegende Gefahren für den Einzelnen auch als für sein soziales Umfeld.

Dennoch wird eine rationale Auseinandersetzung dadurch kompliziert, weil „religiöse Überlieferungen seit eh und je Menschen zur Läuterung und Erfüllung, zum Heil, geführt haben, die anderen nicht nur falsch, sondern sogar verboten und fragwürdig erschienen. Die Grenzen werden sich nicht ein für allemal verbindlich abstecken lassen“ Religiöse Erfahrungen können den gesellschaftlichen Werten von Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung diametral entgegenstehen. Die Abwendung von uns selbstverständlichen Werten, welche wir als Erfolg, Selbstbestimmung und Autonomie des Einzelnen bezeichnen und welche zu Gunsten eines sozialen Engagements für das Gemeinwesen oder der Abkehr von Besitz und der Hinterfragung konventioneller Sozialisationsprozesse aufgegeben werden, werden in westlichen Gesellschaften kritisch gesehen. Auf der anderen Seite sind uns Werthaltungen wie diese durchaus vertraut, sie sind im Kontext einer christlichen Tradition und Ausprägung allerdings gesellschaftlich besser integrierbar als in Form von Neuen Religiösen Bewegungen.

Im Zuge politischer Diskussionen erschienen in der Vergangenheit vereinzelte wissenschaftliche Publikationen zum Thema. Einige Forscher übten Kritik an einer pauschalen Dämonisierung von „Sekten“ und forderten eine differenziertere Betrachtungsweise. Auch in Österreich mehrten sich Stimmen, welche für eine objektive Ausgewogenheit bei der Berichterstattung über Neue Religiöse Bewegungen plädierten. So waren z.B. die Verfasser der Wiener Studie der Ansicht, dass eine sachliche Information über „Sekten“ überdies eine Beschreibung erfordert, „bei der Beobachtung und Beurteilung in erkennbarer Weise voneinander getrennt werden. Auch das trifft auf die gängige Berichterstattung über die Neuen Religiösen Bewegungen nicht zu. Ebenso fehlt das selbstkritische Element, nämlich das Einbekenntnis der Relativität und Gebundenheit des eigenen Standorts. Bei der Berichterstattung über Neue Religiöse Bewegungen werden diese Prinzipien permanent verletzt“.

1988 wurde der Endbericht der ehemaligen Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „So genannte Sekten und Psychogruppen“ veröffentlicht, welcher im deutschsprachigen Raum einzigartig ist. „Sekten“, so das Fazit, stellen keine unmittelbare Bedrohung für den Einzelnen und den Staat dar, dennoch gibt es Konfliktpotenziale, welche aber differenziert und individuell betrachtet werden müssen. Die Ergebnisse der dafür in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten „erteilen den in der Öffentlichkeit weit verbreiteten Vorstellungen, dass Einstieg oder Verbleib in Gruppen hauptsächlich Folge gezielter Manipulation sei, eine deutliche Absage“.

Ein erster auffälliger Befund bei der Sichtung der wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema ist der große Unterschied der Ergebnisse zwischen denjenigen, die ihre Studien an aktiven Mitgliedern einer Gruppe durchgeführt haben und denjenigen, die sich lediglich auf Berichte von Aussteigern beschränken. Die jeweils gegenseitige Kritik ist offensichtlich. Vertreter der Aussteigerarbeit argumentieren, dass die Mitglieder während der Mitgliedschaft so abhängig von der Gruppe sind, dass sie es nicht wagen, die Wahrheit zu sagen und Kritik zu äußern (dahinter steckt die These der so genannten Gehirnwäsche). Feldforscher dagegen halten die Berichte von Aussteigern aufgrund der speziellen Dynamik des Ausstiegs, der narzisstischen Aufwertung durch plötzliches Expertentum sowie die Notwendigkeit einer plausiblen Rekonstruktion der eigenen Vergangenheit für wenig repräsentativ.

Ein weiterer zentraler Unterschied in der Betrachtung des Problems ist die Einstellung gegenüber dem religiösen Anspruch vieler Gruppierungen. Während liberale Forscher bereit sind, diesen Anspruch zu akzeptieren, was sich dann auch in der Bezeichnung als New Religious Movements spiegelt, sind die "Anti-Kult-Forscher“ dazu nicht bereit. Solange nicht zumindest die Denkmöglichkeit besteht, dass auch Neue Religiöse Bewegungen religiöse Anliegen verfolgen, ist es kaum möglich, diesen Gruppen (auch wissenschaftlich) gerecht zu werden.

Manch populäre Vorstellungen über die Wirkungsweise Neuer Religiöser Bewegungen lassen sich wissenschaftlich nicht bestätigen: Es bestätigt sich weder die Annahme einer unterstellten "Destruktivität" Neuer Religiöser Bewegungen noch die einer generellen prämorbiden Persönlichkeit. Krisenhafte Lebensphasen und eine emotionale Labilisierung scheinen einer Mitgliedschaft in einer Neuen Religiösen Bewegung jedoch häufig vorauszugehen. Mitglieder Neuer Religiöser Bewegungen unterscheiden sich in ihrer psychischen Struktur je nach gewählter Gruppe, so dass von einer einheitlichen "Sektenpersönlichkeit" nicht auszugehen ist. Persönlichkeitsmerkmale von aktiven Mitgliedern Neuer Religiöser Bewegungen unterscheiden sich in der Regel nicht von denen entsprechender Gruppen in der allgemeinen Bevölkerung. Der Ausstieg aus einer Neuen Religiösen Bewegung ist in den meisten Fällen auch ohne fremde Hilfe möglich, muss jedoch oft als labilisierende und traumatische Erfahrung angesehen werden. Dies lässt weniger Schlüsse auf die betreffende Gruppe zu als auf sozialpsychologische Prozesse des Rollenwechsels.

Zum Abschluss möchte ich noch einen Blick in die Zukunft wagen. Was wird in 50 Jahren, in hundert Jahren sein? Werden Neue Religiöse Bewegungen ein integrativer Bestandteil unserer Gesellschaft sein, sozusagen kleine Religionsgemeinschaften unter einigen großen? Oder werden Staat und Kirche weiterhin ein kritisches Auge auf sie werfen? Wird das Schwarz-weiß Denken (gute Religion – schlechte Religion) der Vergangenheit angehören oder weiterhin bestehen? Ich möchte darauf eine soziologische Antwort geben. Ich glaube, dass die Differenzierungs- und Spezialisierungsprozesse der Gesellschaft auch den religiösen und weltanschaulichen Bereich betreffen werden. Am Markt der Religionen und Weltanschauungen wird sich das Angebot vervielfachen, so wie es sich jetzt schon im Bereich der Esoterik beobachten lässt. Auch in den Neuen Religiösen Bewegungen wird es wahrscheinlich einen Paradigmenwechsel geben, eine neue Generation von Anhängern wird möglicherweise reformatorische oder auch ganz neue Wege gehen. Einzelne Gruppen werden sich von ihrer Mutterreligion abspalten und es wird Diskussionen über die „wahre Lehre“ geben oder es wird der Gründungsgruppe vorgeworfen, sie habe ihre ursprünglichen Ziele verlassen. Die Gesellschaft wird gegenüber Neuen Religiösen Bewegungen offener sein, weil sie kritischer und selbstbewusster gegenüber vorgefertigten Meinungen geworden ist.

Anhänger und Anhängerinnen Neuer Religiöse Bewegungen leben nicht auf Inseln oder in Höhlen, sondern mitten unter uns. Sie sind ein Teil unserer Gesellschaft, ob wir das nun gut oder schlecht finden oder ob es uns völlig egal ist. Eine weitere Abgrenzungshaltung seitens Staat und Kirche gegenüber beschriebenen Gruppierungen wird weiterhin dazu führen, das gegenseitige Abschottungsprozesse weiterhin an der Tagesordnung sind. Um diesen entgegen zu wirken, bedarf es einer neuen Offenheit, die sich darin zeigen könnte, dass der Staat einen ausgewogenen Informationsfluss in Hinblick auf Neue Religiöse Bewegungen fördert. Dies kann er z.B. unter Zuhilfenahme öffentlicher Foren, die es den Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, sich ein angemessenes Bild von der Situation zu machen.

Die Wissenschaft ist aufgefordert, mehr Forschung in diesem Bereich zu betreiben und die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zukommen zu lassen. Und die Kirchen, insbesondere die anerkannten, wären aufgefordert, endlich einmal ihren Worten von Respekt, Toleranz  und Nächstenliebe Taten folgen zu lassen. Die Probleme im Zusammenhang mit Neuen Religiösen Bewegungen betreffen aus meiner Sicht alle Religionsgemeinschaften, die staatlich Anerkannten und die nicht Anerkannten. Jede Religion hat ihre positiven Seiten. Dennoch wissen wir, dass es auch Schattenseiten gibt.

(Dr. Peter Schulte ist Sektenbeauftragter und Leiter von Kult & Co, einer Einrichtung der Tiroler Landesregierung)



Anm. der Redaktion: Fußnoten wurden aus der Online Version entfernt

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