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Der „SOCIOLOGICAL TURN“ bei der Bundesstelle für Sektenfragen: Wird der Sektenbegriff durch "Gruppierung" ersetzt?

Der „SOCIOLOGICAL TURN“ bei der Bundesstelle für Sektenfragen:  

Wird der Sektenbegriff durch "Gruppierung" ersetzt?

FOREF berichtet exklusiv

24. März 2014

 

WIEN - Am 15. September 2013 gab der Geschäftsführer der Bundesstelle für Sektenfragen und FECRIS-Sympathisant, German Müller, ein ausführliches Interview zur Tätigkeit seines Teams im Rahmen von Planetarium, einer Sendungsreihe von ‚Freies Radio Freistadt‘. FOREF hat für seine Leserinnen und Leser einen Ausschnitt des Gesprächs als kleine Dienstleistung an die Zivilgesellschaft mitgeschrieben – damit sich Österreicherinnen und Österreicher eine eigene Meinung über das Kosten-Leistungs-Verhältnis der (von Steuergeldern großzügig subventionierten) Bundesstelle bilden können.

 

 

FRF = Freies Radio Freistadt.

GM = German Müller.

FRF [00:00]: Ja, dann erst mal eine Frage zu dem Begriff "Sekte" und da würde ich eingangs gerne von Ihrer Webseite zitieren. Da heißt es: "Zum Begriff Sekte gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen. In vielen Fällen wird mit Sekte eine negative Wertung verbunden, die auch diskriminierend empfunden werden kann. Grundsätzlich wird von der Bundesstelle der Begriff Sekte im Zusammenhang mit der Charakterisierung oder Beschreibung von Gruppierungen oder Bewegungen nicht verwendet." [1] Andererseits lautet ja der vollständige Name der Bundesstelle eben „Bundesstelle für Sektenfragen“ und da wär zum einen die Frage, welche Motivation dahinter steckt und allgemein vielleicht welchen Gebrauch des Begriffs von Sekte Sie für sinnvoll halten? [2]

GM [00:46]: Beim Sektenbegriff wäre vielleicht zu ergänzen, dass erstens auf der einen Seite der Begriff sehr umstritten ist, auf der anderen Seite viele Leute diesen Begriff umgangssprachlich, also im Alltag gebrauchen, wenn sie ein bestimmtes Phänomen oder eine bestimmte Erfahrung beschreiben wollen.

Und wenn sich solche Menschen mit Ihrem Anliegen an die Fachstelle wenden wollen, dann ist es naheliegend, dass man diese Stelle ‚Bundesstelle für Sektenfragen‘ bezeichnet, damit diese Leute auch hin finden. Und die Bundesstelle verwendet, wie Sie erwähnt haben, den Begriff Sekte deswegen nicht, weil er einerseits nicht eindeutig ist, also sehr vielseitig verwendbar ist, u. a. auch von Gemeinschaften als diskriminierend erlebt wird.

FRF [01:32]: Das heißt, das ist so eine Art Kompromiss dann, damit sie einerseits gefunden werden, andererseits ist der Begriff zwiespältig, u. a. ähm, wegen dem theologischen Hintergrund, dass er auch im Mittelalter als pejorativ gebraucht wurde um Abspaltungen vom Christentum Abspaltungen als Irrlehre zu bezeichnen. Ähm, andererseits ist mir aufgefallen, das ist auch mein Sprachgefühl im Alltag, gibt es ja auch die negative Konnotation, dass Sekten oder als Sekten bezeichnete Gruppen einfach ein gewisses Konfliktpotenzial aufweisen oder auch, dass von ihnen eine gewisse Gefahr ausgeht. Würden Sie da nicht sagen, dass ein Stück weit die pejorative Bezeichnung von Sekte sogar als gerechtfertigt erscheint?

GM [02:13]: Dazu könnte man erwähnen, da könnte man gut folgen und häufig wird der Begriff Sekte ned im Sinne von Abweichung, sondern im Sinne von es gibt ein gewisses Gefährdungspotenzial verwendet. Andererseits ist damit ned ausgedrückt um welches Gefährdungspotenzial es geht und ob es für die gesamte Gemeinschaft, oder bestimmte Personen oder Aussteiger zutrifft. D. h. diese diskriminierende Bedeutung würde da sehr stark kommen und die nächste Frage wär ob man das dann pauschal auch einer Gemeinschaft so zuschreiben könnte. Und um jetzt dem gerecht zu werden und differenziert darauf einzugehen, versuchen wir eben diesen Begriff zu vermeiden - wie es jetzt die Bundesstelle für Sektenfragen [sic] - und eben so genau wie möglich zu beschreiben, um was es da gehen könne.

FRF [03:05]: Mhm. Mir ist aufgefallen, dass als Alternative zu dem Begriff Sekte häufig die Wendung "Neue Religiöse Bewegungen" vorgeschlagen wird, und da steckt ja das Religiöse schon mit drinnen. Und da ergibt sich dann auch die Frage, was da der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Sekten oder Neuen Religiösen Bewegungen sein könnte. Also ist es dann das Religiöse oder gibt's da andere Charakteristika, die Sie nennen könnten?

GM [03:27]: Ich bin dankbar für diese Frage und da möchte ich kurz auf die Neuen Religiösen Bewegungen eingehen. Der Begriff ist jetzt sehr weit verbreitet und wird häufig synonym verwendet oder eben alternativ eigentlich verwendet und ich meine eigentlich gibt's zum Sektenbegriff kan richtigen Ersatz, der das umfasst und ausdrückt, was mit dem Begriff gemeint war. Deswegen gibt's auch diese Schwierigkeiten.

Aber bei der „Neuen Religiösen Bewegung“ kommt man gleich zu zwei weiteren Schwierigkeiten. Das würde bedeuten, dass es sich bei der Gemeinschaft oder Bewegung, um die es sich handeln soll, dieser Religiosität zugeschrieben wird und das wird vermutlich nicht überall der Fall sein, wie z. B. beim Seminar-Anbieter.

Und auf der anderen Seite, was bedeutet das Wort "neu"? Heißt das neu, nach dem Zweiten Weltkrieg ist es entstanden oder mit Beginn des 20. Jahrhunderts oder mit Beginn des 19. Jahrhunderts? Also hier wird von der Religionswissenschaft nicht eindeutig beschrieben, ab wann dieses "Neu" zählt.

Und das dritte schwierige Thema, das ich da sehe, sei es, dass alle Neuen Religiösen Bewegungen ähnlich an Gefährdungspotenzial gewinnen oder gibt es solche die es mehr haben oder solche, die es überhaupt nicht haben?

Und der letzte Punkt ist, den hab ich anzumerken, was ist mit den alten religiösen Bewegungen? Wann sind die entstanden und gibt's da keine möglichen Gefährdungen oder gab's da nie Schwierigkeiten mit diesen?

Also man sieht, von der Begrifflichkeit ist es hier sehr schwierig es wirklich irgendwie fest zu machen und so etwas wie einen Begriff zu finden, der ned irgendwie schon ähm vorbelastet ist oder hier sozusagen hilfreiche Ergänzung wär. [3]

FRF [05:13]: Ja, das ist recht gut nachvollziehbar, dass es begrifflich schwierig sein wird dort einen gemeinsamen Nenner zu finden, wenn Sie aber jetzt mehrere Worte zur Verfügung hätten um ein paar Charakteristika oder Gemeinsamkeiten hervorzuheben, falls es die gibt, was wären das für welche?

GM [05:28]: Was bei Gemeinschaften dieser Art häufig auffällt, ist dass es so etwas wie eine Führungsfigur gibt, die mit ganz speziellen Qualitäten versehen wird, die fast als unfehlbar und absolut richtig von ihrer Art her wahrgenommen wird. Diese Leitfigur hat meistens so etwas wie eine Ideologie, ein Bekenntnis, eine Vorstellung, ein Regelwerk entwickelt, das auch als "sehr wahr", also als wirklich wahr erlebt wird und um diese beiden, also um die Leitungsfigur und um diese ideologische Vorstellung formiert sich dann eine Gruppe, für die diese beiden Elemente als sehr verbindlich wahrgenommen werden.

Und Zusatz-Features könnten z.B. sein, dass interne Kritik nicht möglich ist, sondern abgelehnt wird, damit sind auch Veränderungen, Verbesserungen von unten nach oben kaum machbar, dass Kritik von außen als Außenfeindwirkung wahrgenommen wird gegen die man sich wehren muss, dass möglicherweise kritische Außenstehende nicht gehört werden und diese Kritiker eben Feinde sind, gegen die man vorgehen soll. Das sind dann spezielle Merkmale, die manche Gemeinschaften, nicht alle dann, entwickeln können. [4]

FRF [06:47]: Und wenn man dann innerhalb dieser Gemeinsamkeiten wieder schauen wollte, was es möglicherweise für Untergruppen und Tendenzen gibt im Sinne einer Typologie? Mir ist aufgefallen, dass der Begriff Psycho-Sekte im Zusammenhang mit Scientology häufig auftaucht und in anderen Kontexten wird eben das Religiöse viel mehr betont, dann gibt‘s auch wieder Bewegungen, die vielleicht mehr politisch gefärbt sind. Macht es Sinn, das so kategorisieren zu wollen oder geht das nicht ganz auf?

GM [07:15]: Also dieser Wunsch nach einer Übersicht und nach einer Typologie, der ist sehr nachvollziehbar damit eben den Überblick auch bekommen kann. Er ist halt nur schwierig, weil er ein artifizieller Versuch ist. Für jemanden, der betroffen ist und wo der Partner in einer Gemeinschaft ist, die als belastend erlebt wird, ist vermutlich nicht so wichtig welche Art von Gemeinschaft der Partner angehört.

Eine Möglichkeit der Orientierung wär beispielsweise der weltanschauliche oder religiöse Hintergrund, dass man sagt, es gibt Traditionen, die auf dem christlichen Bereich fußen, solche, die aus dem islamischen Bereich oder dem Judentum resultieren, solche, die aus dem fernöstlichen, buddhistischen, hinduistischen oder taoistischen Bereich begründet sind und dann noch das weite Feld der Esoterik, das wär jetzt z. B. eine grobe Möglichkeit Orientierung zu bringen. Wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass viele Gemeinschaften vordergründig einem dieser Bereiche zugeordnet werden können, andere Gemeinschaften jedoch Elemente aus unterschiedlichen religiösen Traditionen aufgreifen und Mischformen darstellen, also synkretistische Gruppen bilden, die man da ned richtig sortieren könnte. Und dann gibt‘s natürlich a die Ausnahme,  wenn z. B. eine bestimmte Vorstellung wie bei Scientology, eine bestimmte Heilslehre im Vordergrund steht, die nur entfernt dann an religiöse Traditionen erinnert.

FRF [08:48]: Am Beispiel Scientology lässt sich ja vielleicht noch eine weitere Frage aufwerfen, nämlich zur Abgrenzung gegenüber anerkannten Kirchen. Und da ist nämlich auffällig, dass die Organisation beispielsweise in mehreren deutschen Städten Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet wird, während sie in den USA wiederum den Status einer gemeinnützigen, steuerbefreiten Religionsgemeinschaft genießt. Und dann stellt sich natürlich die Frage, ob das eine mehr oder weniger willkürliche, einfach vom jeweiligen Rechtsstaat abhängende Entscheidung ist, ob eine Gruppe anerkannt wird oder nicht, oder ob sich da möglicherweise doch noch einige unabhängige Kriterien angeben lassen, ob man jetzt von einer Kirche oder von einer Sekte oder einer sog. Sekte hier sprechen mag.

GM [09:33]: Ich denk ma, Sie sprechen da eine sehr wichtige Frage an mit dieser Wahrnehmung in unterschiedlichen Ländern und Nationen. Ich denk mal grundsätzlich war das Wort "Kirche" ursprünglich die Bezeichnung für eine bestimmte christliche Religionsgemeinschaft. Also Christentum war sozusagen verbunden mit dem Wort Kirche. Und von dem her ist es recht spannend, dass Scientology den Begriff "Kirche" in ihre Selbstbezeichnung aufgenommen hat.

Das zweite, was ich dazu ergänzen möchte, ist dass selbstverständlich der gesellschaftliche und kulturelle Rahmen eine große Rolle spielt, wie man eine bestimmte Religionsgemeinschaft und deren Praxis wahrnimmt und neben dieser gesellschaftlich-kulturellen Ebene gibt‘s auch die rechtlichen Rahmenbedingungen, die eben in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich sein können. Also in Amerika ist z. B. Scientology noch von der Finanzbehörde steuerbefreit und in anderen Ländern ist sie als Religionsgemeinschaft registriert und in anderen Ländern wie in Ö ist sie als Verein organisiert. Das ist jetzt die rechtliche Grundform, wie sie auftreten, sagt aber relativ wenig darüber aus, was die Theorie und Praxis dieser Gemeinschaft betrifft. Daher wäre auch zu erklären, dass sie einerseits steuerbefreit sein kann, sprich USA, auf der anderen Seite eben wie in Deutschland von bestimmten Sicherheitsbehörden untersucht wird.

FRF [11:01]: Mhm. Dann komm ich vielleicht von der weiten Welt und der Internationalität zurück zur Arbeit in der Bundesstelle und da würde mich interessieren, wenn Ihnen jetzt konkret die Aufgabe zukommt oder zukäme - ich weiß nicht inwieweit das bisweilen der Fall ist - eben eine Gruppe dahingehend einzuschätzen, ob es sich um eine sog. Sekte handeln mag oder nicht, wie könnte man sich gegebenenfalls Ihre Vorgehensweise vorstellen?

GM [11:26]: Also, das wär sozusagen ein Zwei-Schritte-Programm. Wir würden im ersten Schritt versuchen so viel an relevanten Information zu sammeln wie es möglich ist und die man dann entsprechend einschätzen kann. Und im zweiten Schritt bei dieser Einschätzung nach Kriterien suchen, die möglicherweise von Wichtigkeit sind, wie z. B. ob diese Leitfigur noch lebt, absolute Ausformung hat, d. h. wenn Entscheidungen und Aussagen von der wie von Gott wahrgenommen werden –  wie's bei manchen lebenden führenden Personen noch immer üblich kann; wie wichtig diese Heilstheorie, diese Ideologie ist; wieweit hier eine Gruppe sich um diese Person gebildet hat, die hier eben entsprechende Kriterien hat, die a Gruppe hat, wie stark die Mitglieder sich möglicherweise auf diese Gemeinschaft einlassen und engagieren und welche Erfahrungsberichte es dazu gibt. Sozusagen welche Merkmale gibt es, die kritisch werden können und auf einer inhaltlichen Ebene würde wir relativ genau schauen, wie schaut's aus mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis, ob die Freiheit beschränkt wird, gibt es gesundheitliche Bedenken,  wie könnte es sich auf die Kindesentwicklung auswirken, also abseits von religiösen Vorstellungen, wie könnt sich das gefährdend im täglichen Leben auswirken?

FRF [12:52]: Na, das erfordert natürlich eine große Vielfalt an Wissen und da würde mich dann natürlich interessieren, auf welche Quellen Sie da bestenfalls zurückgreifen können um diese Beurteilungen bestmöglich treffen zu können?

GM [13:05]: Ja, das is a wichtiger Prozess, und einer der sehr sorgfältig zu gestalten ist. Von den Quellen her ist uns in erster Linie wichtig, was sagt die Gemeinschaft von sich selbst. Und das sich in den letzten Jahren dank des Internets sehr stark verändert. Der Zugang ist deutlich leichter und besser geworden als das noch vor 20 Jahren gewesen war. Also Informationen von der Organisation selbst, ihre Literatur, ihre Kleinschriften, Aussagen von leitenden Mitgliedern ist uns wichtig. Wichtig ist natürlich eine zweite Sorte von Quellen: was sagen die anderen zu dieser Gemeinschaft, wie z. B. in wissenschaftlichen Publikationen, oder was sagen ehemalige Angehörige, oder gibt es Dokumentationen drüber. Auch die Medienberichterstattung ist manchmal sozusagen etwas, das wichtig sein kann, weil es kaum andere Quellen gibt. [5] Und auch berücksichtigen wir natürlich unsere eigenen Erfahrungen mit dieser Gemeinschaft. Gibt es aus der Beratungsarbeit Hinweise, gibt es Gespräche mit Vertretern der Organisationen und ähnliches? Also wir versuchen so breit wie möglich die Quellen anzulegen, damit wir die unterschiedlichen Standpunkte und Inhalte, die es dazu gibt auch wahrnehmen können und entsprechend berücksichtigen können.

FRF [14:24]: Noch eine Nachfrage zu der Selbstdarstellung der entsprechenden Gruppierungen, ich bin z.B. darauf gestoßen, dass es im Zusammenhang mit der Neuen-Akropolis-Gruppierung heißt, also das wär dann ein Zitat von Wikipedia, da heißt es unter Kritik: "Strikt zu trennen ist bei der Neuen Akropolis das Auftreten nach außen und die intern propagierte Doktrin. An die Öffentlichkeit tritt die Neue Akropolis als Vorträge und Seminare veranstaltender philosophisch-kulturell orientierter Verein. Intern ist sie streng hierarchisch gegliedert." Und da hätte ich mir jetzt sozusagen als Faustregel zurechtgelegt, möglichst erst mal nichts davon für bare Münze zu nehmen, was sozusagen in so einer Selbstdarstellung einer Gruppe verlautbart wird, aber das kann aus Ihrer Position heraus nicht eine gute Maxime sein.

GM [15:15]: Ich denk mir, dass ein kritischer Zugang immer sinnvoll ist, und zwar zu allen Informationen, weil alle Informationen irgendwie zweckgebunden erstellt werden. Und auch Kritik an Gemeinschaften oder Selbstdarstellungen von Gemeinschaften unterliegen diesem Zweck. Also von dem her ist es sinnvoll, wenn man sich selbst ein Bild macht und sich den Zugängen kritisch nähert, ich bin aber auch dankbar für ihre Zusatzfrage jetzt, weil ich gleich etwas ergänzen kann, was ich vorher nicht erwähnt hab. Nämlich dass viele Gemeinschaften aus diesem Bereich neben der Hauptbotschaft nach außen auch Nebenbotschaften haben, die man nur als ehemaliges Mitglied oder wenn man sich sehr genau mit der Gemeinschaft beschäftigt oder auch möglicherweise einen Zugang nach innen gehabt hat, wahrnehmen kann. Ansonsten würde man von außen nicht bemerken, was noch an Informationen vorhanden ist.

FRF [16:12]: Dann komm ich vielleicht noch mal zu der konkreten Tätigkeit des Bundesamtes. Da würd mich interessieren, in Bezug auf die stattfindenden Gespräche, welche Inhalte und Problematik vonseiten der Anruferinnen und Anrufer im Wesentlichen oder vergleichsweise häufig thematisiert?

GM [16:30]: An die Bundesstelle wenden sich Menschen mit sehr unterschiedlichen Anliegen. Jetzt a mal von den betroffenen Menschen selbst her melden sich häufig Menschen, die berichten, dass der Partner in einer Gruppe ist und diese Situation als sehr schwierig erlebt wird. Beispielsweise geht es darum, dass der Partner nur mehr Zeit für die Gruppe verwendet, viel Geld ausgibt, oder, dass man Sorge hat, das die Gesundheit gefährdet wird, weil bestimmte Medikamente abgesetzt werden auf Anraten der Gemeinschaft. Oder man ist in Sorge, weil, wenn es ja um einen Familienverband geht und hier sozusagen eine Trennung stattgefunden hat, und der Partner, der bei der Gemeinschaft ist, bei den gemeinsamen Kindern die Sorge entsteht, dass diese auch in diese Gruppe hineingelangen und dort eben möglicherweise gefährdende Erlebnisse haben.

Also das sind mögliche Themen, die uns von Betroffenen zugetragen werden. Es gibt aber auch zunehmende Anzahl von  direkt Betroffenen, die anfragen, bevor sie ein Angebot wahrnehmen und sich dafür engagieren, dass sie rückfragen, ob es irgendwelche Erfahrungen dazu gibt, die sich also vorab ein Bild machen wollen. Oder Menschen die nach Mitgliedschaft bei so einer Gemeinschaft sich davon distanzieren und dann bestimmte Erlebnisse oder Erfahrungen aufarbeiten wollen, die wenden sich auch an uns mit diesem Ziel.

Das ist jetzt ein spezieller Bereich mit dem wir in der Beratung befasst sind, ansonsten wenden sich auch Menschen an uns, die uns mitteilen, dass sie irgendwelche Beobachtungen gemacht haben, das sie z.B. in einer Fußgängerzone einen Werbestand gesehen haben und nachfragen, wer denn dahinter stehe und ob das auch erlaubt sei [6] oder auch wenn‘s um Orientierungsfragen geht in Einrichtungen oder zu Hintergrundinformationen, wenn Menschen z.B. in der Schulklasse a Referat haben und zu dem Referat eben entsprechendes Material sammeln. Also es sind eigentlich sehr vielfältige Anfragen, die bei uns gestellt werden.

FRF [18:36]: Ja, nicht zuletzt - ist ja auch denkbar - das bisweilen das eine oder andere Mitglied einer Sekte bei Ihnen anruft, ohne sich als solches erkennen zu geben und das Ziel wäre dann vermutlich in Erfahrung zu bringen, welche Auskünfte von Ihrer Seite, also von offiziell staatlicher Seite - sag ich mal - über diese Gruppe verlautbart werden. Ah, fällt Ihnen das in der Regel dann auf, wenn ein solcher Anruf in dieser Hinsicht verdächtig ist, und was würden sie gegebenenfalls dann tun?

GM [9:06]: [Nervöses Räuspern.] Wahrscheinlich werden wir es nicht immer bemerken, wenn jemand anruft und eigentlich für eine Organisation auskundschaften möchte, was wir über diese Organisation behaupten. Mmm… manchmal haben wir den Eindruck, dass sie so ein Erlebnis haben und da sozusagen die Anfrage mit dem Hintergrund ned ganz zusammen geht und eben möglicherweise, dass das die Intention war. Insgesamt gesehen ist aber die Frage sehr leicht zu beantworten, egal wer bei uns anruft, muss eine möglichst gute, eine möglichst präzise Antwort erhalten, die für alle passt. Und von dem her sind wir auch bemüht eben so gut wie möglich Fragen zu beantworten. [7]

FRF [19:47]: Ja, insgesamt scheint es eine sehr anspruchsvolle und vieltätige Tätigkeit zu sein - also bei der Bundesstelle, die Tätigkeit. Was wären da aus Ihrer Sicht geeignete Qualifikationen oder Erfahrungswerte, die günstig wären, wenn man dieser Tätigkeit nachgehen mag, also im Ausbildungskontext.

GM [20:05]: Vielleicht geh ich kurz davon aus, wie unsere Mitarbeitersituation aussieht. Wir haben auf Vielfalt wert gelegt und auf Interdisziplinarität, d.h. jede Mitarbeiterin ist auf der einen Seiten Akademikerin, oder akademisch qualifiziert und neben Religionswissenschaft, Theologie, Psychologie, Psychotherapie, haben wir versucht eben die Aspekte Information, Dokumentation, Recherche und Beratung und Begleitung abzudecken. Wichtig wäre neben diesen formalen Kriterien, dass man natürlich neutral und unvoreingenommen sich dem Thema nähert und Interesse am Menschen hat und auch am Bereich Weltanschauung Interesse hat, ohne eben vorzuverurteilen oder eine bestimmte Richtung zu verfolgen. Das wäre speziell in unserem Fall sehr wichtig.

FRF [21:02]: Ja, ich würde vielleicht gern noch mal darauf zurückkommen, Was sie vorhin im Zusammenhang mit den alternativen Begrifflichkeiten gesagt haben. Da ging es um "Neue Religiöse Bewegungen" und sie fragten, was ist dann mit den alten, oder wären überhaupt die alten? Und mich würde interessieren jetzt über einen längeren Zeitraum gesehen, gibt's da Ihres Wissens feststellbare Tendenzen wie sich solche ‚sektenartigen Gruppierungen‘ verhalten, also ob es tendenziell einen Zulauf gibt, also eine Zunahme an solchen Gruppen oder ob das rückläufig ist und ja wie wäre da gegenwärtig der Trend?

GM [21:35]: Es ist da schwierig zu antworten und daher muss ich vor allem da auf die eigenen Erfahrungen jetzt hinweisen, die wir hier in der Bundesstelle machen, weil es hier kaum empirische Arbeiten gibt, die sozusagen hier relevant dazu Bezug nehmen bzw. mir sind solche Arbeiten ned bekannt. [8] Was mir auffällt ist, dass in den vergangenen Jahren das Thema Esoterik in unserer Gesellschaft schick geworden ist und sehr breit aufgestellt ist, also in Buchhandlungen und in vielen Lebensbereichen haben die eine Art Marktanteil gewonnen. Früher schien das fernöstliche Gedankengut, Meditation, Yoga, etc. sehr interessant zu sein. Mir scheint aber, dass es auch eine Art Rückbesinnung auf sogenannte traditionelle, europäische Modelle gibt, in denen europäische Formen der Esoterik wie beispielsweise Neo-Keltentum, Neo-Germanentum, u. ä. transportiert werden und wichtig werden.

Was noch auffällt ist, dass früher häufig Wohngemeinschaften gebildet haben [sic], wo man zusammengelebt hat. Das hat sich scheinbar ned bewährt. Dass es eine Vielzahl von kleineren Gruppierungen gibt von lokaler Bedeutung – also diese internationalen Bewegungen entstehen nicht mehr in dieser Form so häufig wie es nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen war.

Vielleicht könnt man auch benennen, dass es zu Vermischungen kommt, dass es zum traditionellen, naturwissenschaftlich orientierten Bereich, wie z. B. in der Architektur, hier auch zunehmender Einfluss von Esoterik zu beobachten ist, wie beispielsweise durch Feng Shui. Oder im Heilungsbereich, in der Medizin durch sog. alternativ-medizinische oder esoterische Modelle ergänzt werden will. Das wären ein paar Beispiele, die mir so spontan dazu einfallen würden.

FRF [23:32]: Ja, das macht jetzt auf mich schon den Eindruck einer zunehmenden Zersplitterung oder Vervielfältigung und da passt vielleicht auch dazu, dass jetzt allein im Jahr 2013 in Österreich ja zwei weitere Gruppierungen als offizielle Kirchen anerkannt worden sind, die davor natürlich einen anderen Status hatten. Das bezieht sich in dem Fall auf die Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft und dann ein Zusammenschluss von Freikirchen, das sog. "Bündnis Freikirchen in Österreich", die sind glaub ich jetzt erst im August anerkannt worden, und da schließt sich dann die Frage an, was sind eigentlich die Voraussetzungen und die jeweiligen Rechte und Pflichten, die dann mit so einem Status einhergehen? Also davor war glaub ich diese Freikirchenorganisation eine staatlich eingetragene religiöse Bekenntnisgemeinschaft, also keine gesetzlich anerkannte, und noch davor hatten sie dann zum Teil den Status eines Vereins, also das scheinen die drei rechtlichen Möglichkeiten zu sein. Wie sieht es da aus mit jeweiligen Verpflichtungen, Voraussetzungen und Rechten?

GM [24:33]: Ja, vielleicht kurz zu diesen drei Möglichkeiten der rechtlichen Konstituierung. Am einfachsten ist das nach dem Vereinsgesetz. Nach dem neuen Vereinsgesetz 2000 können zwei Personen einen Verein gründen. Die einzige Voraussetzung ist eben, dass es nicht um Gewinnorientierung geht, sondern darum, dass man etwas verfolgt, dass einen speziellen, ideellen Zweck hat. Und nach diesem neuen Vereinsgesetz war es auch religiösen Gemeinschaften möglich sich zu konstituieren, wenn es diesen Wunsch gab. Das war vorher nicht so einfach möglich, weil es da eine Ausnahme gegeben hat im alten Vereinsgesetz, das eigentlich das untersagt hat, dass religiöse Gemeinschaften, speziell Orden und ähnliches, sich so aufstellen können.

Die zweite Möglichkeit ist die religiöse Bekenntnisgemeinschaft, die wurde 1998 ins Leben gerufen, da sind die Voraussetzungen, dass man wie beim Vereinsgesetz ein Statut hat, dass Auskunft gibt über Inhalt und Praxis der Religionsgemeinschaft und man braucht mindestens 300 Personen mit Wohnsitz in Österreich, die sozusagen sich dieser Bekenntnisgemeinschaft anschließen und nicht Mitglied irgendeiner anderen Religionsgemeinschaft sind, speziell einer gesetzlich anerkannten Kirche oder einer anderen Bekenntnisgemeinschaft.

Der Vorteil war zum Vereinsrecht, dass man als Bekenntnisgemeinschaft eindeutig eine religiöse Gemeinschaft war und als solche qualifiziert war. Der Nachteil war, dass man damit nur eine Körperschaft von privatem Recht war und nicht von öffentlichem Recht.

Und das ist sozusagen die dritte Möglichkeit, die es gibt, das sind die gesetzlich anerkannten Kirchen, das sind christliche Gemeinschaften und Religionsgesellschaften, das sind alle anderen religiösen Gemeinschaften, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden. Die müssen zusätzlich zu den Kriterien einer Bekenntnisgemeinschaft auch eine Anzahl von mindestens 2 Promille an Mitgliedern haben, des is a Anzahl die ned leicht erreichbar ist, in Österreich wären das ein bisl über 16,000 nach der letzten Volkszählung und muss eine bestimmte Zeit existieren: Kürzer, wenn sie schon im Ausland länger existent ist. Länger, wenn sie erst in Ö erstmalig auftritt. Da braucht‘s sozusagen a gewisse Zeit, dass sie schon besteht bevor es zu dieser Anerkennung kommt. Der Vorteil ist, dass man damit eine Körperschaft öffentlichen Rechts ist, also ein Vertragspartner vom Staat, der auf der einen Seite Pflichten übernimmt, wie z.B. die positive Grundeinstellung gegenüber der Gesellschaft eine gezielte Störung des Verhältnisses zu anderen RG untersagt und auch staatliche Aufgaben übernimmt, das ist z. B. beim Religionsunterricht oder der Schulerhaltung gegeben. Auf der anderen Seiten hat man auch gewisse Vorteile, wie die bekannten, dass man Militärseelsorge stellen kann, dass man gewisse steuerliche Vorteile und andere. Zuständig für die Administration ist das Kultusamt im Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten.

FRF  [27:57]: Dann würde ich vielleicht gern noch mal auf die Perspektive kommen der jeweiligen Mitglieder, bzw. vielleicht auch erst Aspiranten, also Menschen, die dann glücklich oder unglücklich zu neuen Mitgliedern einer solchen Gruppierung werden. Sie hatten ja schon ein paar Sachen gesagt zu vielleicht einer grundsätzlichen Disposition zur Spiritualität oder so was in der Art. Aber was wären da sonst noch Motive, die eine Rolle spielen können, also für ein einzelnes Individuum einer solchen Gruppierung beizutreten?

GM [28:28]: Also wenn's darum geht, wer schließt sich Gemeinschaften an, wer hat großes Interesse so einer Gemeinschaft zuzugehören, da gibt es häufig die Vermutung, es gäbe so was, wie eine "Sektenpersönlichkeit". Und dazu gibt es weder empirische Belege noch aus der praktischen Beratungserfahrung Hinweise dazu, also das ist einfach grundsätzlich falsch aus unserer Erfahrung her. Was wir beobachten ist so etwas wie eine "Passung". Auf der einen Seite gibt's Menschen, die haben Bedürfnisse, so wie alle anderen Menschen auch, und im Laufe der Zeit gibt es Phasen, wo man stärker oder weniger stark vulnerabel ist.  Und so a Situation kann z. B. entstehen, wenn man grad in einer schwierigen Situation ist, wenn man grad mit Sachen konfrontiert ist, da sucht man nach Lösungen und wenn in so einer Situation ein Angebot einer Gemeinschaft auf diese Person trifft, das dafür passt, dann kann es sein dass sich diese Person dieser Gemeinschaft anschließt. Wenn die Person in dieser Situation auf ein Angebot einer Gruppe kommt, das überhaupt ned dazu passt, dann wird sie dabei wahrscheinlich weitergehen und sich nicht interessieren.

Zusammenfassend, in bestimmten Situationen sind Menschen in ihrem Leben zu einem bestimmten Zeitpunkt mehr oder weniger empfindlich für unterschiedliche Lösungen und wenn dann die richtige Gruppe mit dem richtigen Angebot kommt, dann kann es zu dieser „Passung“ nach zu diesem Schlüssel-Schloss-Prinzip kommen. Dann engagiert man sich für diese Gemeinschaft, weil man ja im ersten Schritt scheinbar viel bekommt und dann bereit ist dafür etwas zu tun.

FRF [30:13]: Ja, also zu den Angeboten, das wird dann sozusagen das Gegenstück. Da hört man dann auch von medialer Seite häufig, dass da mitunter auch sehr perfide oder zumindest sehr gut durchdachte Strategien zur Rekrutierung Anwendung finden, also von Seiten der Gruppen. Wie stellt sich das aus Ihrer Sicht dar?

GM [30:31]: Vielleicht antworte ich auf diese Frage in zwei Schritten. Im ersten Schritt beobachten wir,  dass die Menschen, die sich an uns wenden häufig über das persönliche Umfeld in Kontakt kamen. Bei jemand, der schon sehr lange mit einem Bekannten vertraut war, hat jener in so einer Situation, wie ich sie vorhin beschrieben hab, dann empfohlen probier‘ doch dieses aus, mir hat das auch geholfen oder das könnte dir helfen. Es kommen aber auch Menschen zu uns, die berichten, dass sie über eine Ankündigung zu einem Vortrag über etwas, was sie als interessant erlebt haben, zu einer Veranstaltung gegangen sind und dann über diese öffentliche Veranstaltung oder eben auch übers Internet aufmerksam geworden sind auf a Angebot und sich aus diesem Grund an uns gewandt haben. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite denk i ma, Gemeinschaften haben sehr unterschiedliche Angebote, also wenn jemand z. B. sagt, ich fühl mich sehr ausgelastet, überarbeitet, ich brauch Ruhe, dann könnt z.B. das Thema Yoga, Meditation, Entspannung sehr hilfreich sein. [9]

Für jemanden, der meint, also Christentum wie jetzt wird nimma mehr so richtig gelebt, das erinnert schon sehr stark an Christenbeamtentum und nimma mehr an echtes Christentum, der könnte sich z.B. stärker in einer extremen christlichen Gemeinschaft wohl fühlen.

Und wenn jemand sagt, „es wäre doch cool, wenn ich mehr aus mir heraushol, wenn i ned nur 10% von meinem Potenzial, sondern 80% von meinem Potenzial nützen könnte, das wär doch echt klass'“, für den sind natürlich Organisationen und Angebote interessant, die genau dieses Versprechen.

Also aus diesen Unterschieden bemerken Sie, dass eben auch hier von den Gruppen sehr unterschiedliche Angebote gmocht werden und wie auch schon heute erwähnt, dass diese auch nicht immer sehr transparent gmocht werden.

Also wenn, das Dianetik-Buch angeboten wird und wir helfen hier mit der seelischen Gesundheit jemanden, dann wird nicht immer dazu g‘sagt, hier handelt's sich um a Buch das zu Scientology gehört also diese Transparenz, die kann mitunter fehlen.

FRF [32:40]: Ja, jetzt vielleicht noch mal aus der Perspektive eines betroffenen Menschen, der das Unglück hatte bei einer Gruppierung zu landen, die nicht nur sein Wohl im Auge hatte, sag' ma mal so, ähm, die Person hat dann die Möglichkeit, wenn das jetzt in Österreich passiert, sich an Sie zu wenden, möglicherweise wär's dann aber auch eine Genugtuung oder eine Idee, Option von staatlicher Seite eine Gruppierung evtl. grundsätzlich zur Auflösung zu bewegen, sag ich auch mal vorsichtig, oder sie in gewisse Schranken zu weisen. Also im Kontext solcher sog. Sektengruppierungen, was ist da häufig die beste juristische Handhabe, wenn es sich tatsächlich um problematische Gruppierungen handelt?

GM [33:23]: Also hier treffen mehrere Sachen häufig zusammen, die juristisch ungünstig sind. Meistens geschehen Dinge, die freiwillig von den Personen geleistet werden und nicht unter nachvollziehbaren Zwang. Also die Menschen sagen in so ner Situation: "ich mach's ja freiwillig und i hob's ja gern gmocht und des war mir wichtig."

Und dann geht's um Bereiche, die strafrechtlich relevant sind, weil hier würden die ganz normalen Gesetze zum Tragen kommen. D. h. der Preis der Demokratie ist, dass wir auf der einen Seite, die Freiheit als wichtiges, hohes Gut haben. Auf der gleichen Seite die Religionsfreiheit noch einmal eine besonders wichtige ist, und auf der anderen Seite Gesetze dann greifen, wenn sie übertreten werden. Und das ist in dem Bereich, mit dem wir es zu tun haben häufig eben nicht der Fall, sondern erwachsene Menschen machen Dinge in Eigenverantwortung und freiwillig. Und nur in seltenen Fällen gelingt es, z. B. im Sinne des Konsumentenschutz u. ä. noch hier etwas für sich herauszuholen, wenn man dann sozusagen sich's dann anders überlegt. Z. B. wenn's einen bestimmten Vertrag gibt, dass irgendein bestimmtes Produkt geliefert wird und dieses Produkt eben dann nicht das hält, was es verspricht oder wenn es in täuschender Absicht oder unter Vorsatz verwendet wird [sic]. Oder im Gesundheitsbereich, wenn hier Produkte zum Einsatz kommen, die eben entweder ned zugelassen sind, oder nicht das versprechen oder wenn sie mit bestimmten Gesetzen wie Kurpfuscherei oder ähnlichem in Verbindung gebracht werden können.

Aber noch a mol, das ist eher selten, dass das möglich ist, weil die Gemeinschaften gelernt haben, das Recht auch sehr genau zu lesen und sehr darauf bedacht sind, dass sie hier nicht Rechtsverletzungen auflaufen. [10]

FRF [35:12]: Verstehe, also weder ein einzelnes Individuum zu schädigen, strafrechtlich, noch irgendwelche weltanschauliche Dinge zu bekunden, die dann evtl. als anti-demokratisch und staatsgefährdend eingestuft werden könnten. Da wird dann schon recht besonnen an der Außendarstellung auch gearbeitet, wenn ich das so zusammenfassen kann.

GM [35:33]: Wir haben hier in Österreich im politischen Bereich das Wiederbetätigungsverbot, das ist etwas, was z. B. viele andere Länder nicht haben, das auch sehr hilfreich ist. auf der anderen Seite ist Religiosität und Weltanschauung a besonders geschützter Bereich und speziell auch in Österreich und Deutschland aufgrund der Vergangenheit, wo der Staat sehr vorsichtig mit Eingriffen ist. Eingriffe gibt es eigentlich immer nur dann, wenn andere Menschenrechte oder Grundrechte, wichtige Rechte sozusagen, verletzt werden, dann kommt's zur Schranke und zur Abwägung, welches Gesetz mehr wirkt. Also die Religionsfreiheit, das Recht auf Religionsfreiheit ist ja auch ned unbegrenzt, sondern wenn's um öffentliche Ordnung oder Sicherheit oder andere Menschenrechte geht, gibt's ja hier auch die Begrenzung. Nur in der Praxis greift das eben sehr selten. [11]

 

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Fußnoten von FOREF: 

[1] Vgl. offizielle Website der Bundesstelle für Sektenfragen (fortan: BBS). Kritiker befürchten, dass für die Erstellung der Webseite der BSS ein Zen-Designer engagiert wurde: Sie wirkt recht inhaltsleer.

[2] Der Moderator steigt ein mit der unschuldigen Feststellung eines offensichtlichen Widerspruchs. Im Laufe des Gesprächs wird deutlich, dass Müller „Gruppierung“ oder „Gemeinschaft“ als Synonyme für „Sekte“ gebraucht. FOREF schlägt daher der Bundesregierung vor, die BSS beispielsweise in „Bundesstelle für Gruppierungsfragen“ umzutaufen, da der Sektenbegriff in seiner wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Dimension (abgesehen von einschlägigen theologisch-apologetischen Strömungen) zunehmend außer Mode gerät. Falls die BSS in Zukunft an seriöser und gleichzeitig staatlich finanzierter Informationstätigkeit interessiert ist, könnte sich – was Know-How, Expertise, Transparenz und Kommunikationsfähigkeit in der neutralen, faktenorientierten Beratung bzgl. Neuen Religiösen Bewegungen betrifft – das britische Modell von INFORM (Information Network Focus on Religious Movements) als Vorbild anbieten.

Interessant ist in diesem Kontext, dass die BSS den „Sektenbegriff“ dezidiert vermeiden möchte, während die offiziellen Partner der BSS die pejorative Pauschalbezeichnung weiterhin undifferenziert einsetzen [vgl. hier] –  abgesehen von der einschlägigen Signalwirkung des Sektenbegriffs im Titel der BSS. Das BSS kollaboriert mit kirchlichen „Beratungsstellen“ [Vgl. http://www.bundesstelle-sektenfragen.at/beratungsstellen/ ] sowie der „Gesellschaft gegen Sekten- und Kultgefahren“, ein privater Verein, welcher vom Magistrat der Stadt Wien „MA 13 Bildung und außerschulische Jugendbetreuung“ und dem Familienreferat der Niederösterreichischen Landesregierung großzügig finanziert wird, dabei jegliche Transparenz, demokratisch-tolerante Gesinnung oder wissenschaftliche Aktualität missen lässt. (Die Führungspersönlichkeit der GSK, DI Friedrich Griess, wurde aufgrund seiner verleumderischen Behauptungen, Lügen und unwahren Berichten mehrere Male gerichtlich verurteilt. Vgl. hier. Von 2005 bis 2009 war Griess als Präsident von FECRIS (Fédération Européenne des Centres de Recherche et d'Information sur le Sectarisme) tätig, vgl. Besier, Gerhard / Seiwert, Hubert: Freedom of Religion or Belief, Anti-Sect Movements and State Neutrality. A Case Study: FECRIS. Aus der Reihe: Religion – Staat – Gesellschaft. 13. Jg. (2012), Heft 2. Die Einleitung ist hier zugänglich.).

Externe Beobachter und internationale Experten staunen nicht schlecht über das österreichische Spezifikum dieser sehr weit gefassten Interpretation einer „hereinnehmenden Neutralität“. 

[3] Herr Dr. Müller sei höflichst darauf hingewiesen, dass bereits seit den 1980ern der Sektenbegriff und dessen pejorativen Bedeutung eingehend von wissenschaftlicher Seite problematisiert werden. Zur Auffrischung einige einschlägige Beispiele von umfassenden Studien hierzu:

1)      Usarski, Frank: Die Stigmatisierung Neuer Spiritueller Bewegungen in der Republik Deutschland. Hannover, 1987. (Doktorarbeit / Dissertation im Fachbereich Theologie Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover.)

Ein Wendepunkt in der Kritik am Begriff der (Jugend)-„Sekte“ war im deutschen Sprachraum die Arbeit des Religionswissenschaftlers Frank Usarski. Er zeigte auf, dass ein Großteil der Befürworter des Sektenbegriffs die damit bezeichneten Bewegungen pauschal kriminalisieren und pathologisieren. Da der Diskurs über die „Jugendsekten“ zunächst von katholischen und evangelischen Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen ausging, war es naheliegend das Interesse der Großkirchen zu vermuten, sich gegenüber der konkurrierenden religiösen Heilsanbietern durchzusetzen. Usarski ersetzt den Begriff „Jugendsekte“ durch die neutralere Bezeichnung „Neue Spirituelle Bewegung“.

2)      Endbericht der Enquete-Kommission des deutschen Bundestags „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ vom 29. Mai 1998.

„Die unterschiedliche Herkunft und der unterschiedliche Gebrauch des Begriffs "Sekte" macht seine Verwendung, außer in klar umschriebenen Zusammenhängen (etwa theologischer oder religionswissenschaftlicher Art), sehr problematisch. Zur Abgrenzung von "konfliktträchtigen" gegenüber "nicht konfliktträchtigen" Gruppen ist er kaum geeignet. Er gibt zudem nichts her zur Kennzeichnung konkreter Konflikte. Für den staatlichen Gebrauch ist er nicht geeignet, d. h. auch nicht für diesen Bericht.“ (S. 19)

„In Anbetracht der in Kapitel 2 dargestellten Unschärfe und Missverständlichkeit des Begriffes der "Sekte" hält es die Enquete-Kommission für wünschenswert, wenn im Rahmen der öffentlichen Auseinandersetzung mit neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen auf die weitere Verwendung des Begriffes "Sekte" verzichtet würde. Insbesondere in Verlautbarungen staatlicher Stellen - sei es in Aufklärungsbroschüren, Urteilen oder Gesetzestexten - sollte zukünftig die Bezeichnung "Sekte" vermieden werden. Stattdessen schlägt die Kommission vor, - ähnlich wie in diesem Bericht - eine differenzierte Terminologie zu verwenden, auch wenn diese in Anbetracht weiterer wissenschaftlicher Befassung mit dem Problembereich nur vorläufigen Charakter haben sollte.“ (S. 133)

"Diese Forschungsergebnisse [der von der Kommission in Auftrag gegebenen Forschungen und Gutachten] zeigen übereinstimmend, dass von neuen religiösen und weltanschaulichen Bewegungen in der Regel keine Gefahren ausgehen, die über das hinausgehen, was in vergleichbaren sozialen Kontexten zu beobachten ist. Angesichts in der Öffentlichkeit bestehender Befürchtungen halten wir dies für das wichtigste Ergebnis der Kommissionsarbeit. (...) Es ist ferner das Recht und die Pflicht des Staates, die Öffentlichkeit sachgerecht und neutral über Probleme zu informieren, die im Bereich neuer religiöser Bewegungen bestehen. Die Arbeit der Kommission hat gezeigt, dass dabei ein hohes Maß an Differenzierung notwendig ist. Auf diese Weise kann zur Verminderung bestehender Konflikte und Vorurteile beigetragen werden." (S. 160)  

3)      Empirische Forschungsarbeiten in den Niederlanden: a) Tobias Witteveen: Overheid en religieuze bewegingen. Dissertatie Universiteit van Groningen, 1984. b) van Wijk, et al: Het warme bad en de koude douche [Warmes Bad und kalte Dusche]. Een onderzoek naar misstanden in nieuwe religieuze bewegingen en de toereikendheid van het instrumentarium voor recht en zorg. Im Auftrag des niederländischen Justizministeriums, 2013. 

Anfang der 1980er Jahre wurde das niederländische Repräsentantenhaus ("Tweede Kamer") beauftragt eine Sub-Kommission einzurichten um das sog. “Sektenphänomen” in den Niederlanden zu untersuchen. Der Bericht wurde 1984 veröffentlicht mit folgendem Fazit (unter strikter Vermeidung des Sektenbegriffs): "New Religious Movements generally do not create a danger for people's spiritual health. (…) The Principle of Freedom of Religion guarantees individual citizens spiritual Liberty and the opportunity to practice his beliefs. (…) The idea that New Religious Movements coerce people to become a member and condition them to stay within the Movement is not confirmed by our investigation." (Die Studie wurde übrigens im selben Jahr in der Dissertation von Thomas Witteveen (Universität Groningen) publiziert.)

Aufgrund breiter Medienaufmerksamkeit bzgl. “Kultgefahren” im Jahre 2011  – obgleich laut amtierendem Justizminister keine Straftaten vonseiten von sog. „Kulten“ oder „Sekten“ ausgingen – empfahl das Repräsentantenhaus erneut eine empirische Studie durchzuführen. Diese wurde durch das Bureau Beke (Arnhem, The Netherlands) durchgeführt und 2013 publiziert unter dem Titel "Warm bad en koude douche", bezugnehmend auf die häufige Behauptung der Anti-Kult-Lobby, dass “Sekten” ihre neuen Mitglieder zunächst freundlich empfangen (warmes Bad), doch sobald sie indoktriniert sind, die harte Realität des Missbrauchs erfahren (kalte Dusche).

Die Autoren der Studie von 2013 kommen in ihrem Resumé zur Schlussfolgerung: "It can be concluded that the problems observed do not pose a danger to the legal order or to public health, just as had been concluded in previous research in the 1984 study". (Das Original-Dokument ist auf der Regierungs-Homepage der Niederlande zugänglich.)

FOREF appelliert an die Bundesregierung und die Familienministerin Dr. Sophie Karmasin eine empirische Feldforschung zum tatsächlichen Gefährdungspotenzial von NRB in Auftrag zu geben. Geschätzte 400,000 Euro jährlich können sinnvoller eingesetzt werden als zur Finanzierung von Büroangestellten, die „Sekten“- Artikel aus Profil, News oder Kronenzeitung ausschneiden und „dokumentieren“.  

[4] In Anbetracht dessen, dass nach wie vor primär großkirchliche Interessen hinter der BSS stehen und damit die Angst gegenüber der zunehmenden gesellschaftlichen Infragestellung der eigenen absoluten Vormachtstellung zur Triebfeder von „Aufklärungsarbeit“ wird, sei auf den psychologischen Fachbegriff der „Projektion“ hingewiesen. Externe Beobachter sprechen im Kontext des Sektenexpertentums von typischen psychologischen Übertragungsmechanismen, in denen Vorstellungen und Verhaltensmuster (inkl. polarisierendem Weltbild, Amtshierarchie, strikte Gehorsamsforderung, keine Duldung von interner Kritik, Missbrauch von gläubigem Vertrauen) der eigenen Person bzw. identitätsstiftenden Gruppe in andere Personen oder Gruppen hineinprojiziert werden. Würde Müller das leugnen wollen, wäre sein Fall zudem auf Realitätsverweigerung und Verdrängung hin zu überprüfen.

[5] Sagte Müller nicht zwei Sätze vorher, dass sich der Zugang zu den Gruppierungen aufgrund des Internets wesentlich verbessert hat? Bei der nächsten Trafik eine „News“ zu kaufen ist für die BSS wahrscheinlich unverfänglicher als der direkte Kontakt mit bestimmten „Gruppierungen“.

[6] Weil das zuständige Magistrat diesbezüglich keine Auskunft geben kann? Die BSS betreibt ein Micro-Management, das Steuerzahlern teuer kommt. (Übrigens, das Subsidaritätsprinzip stellt den Kern der katholischen Soziallehre dar.)

[7] Mal nachgefragt: Kann eine gute und präzise Antwort auf Fragen betreffend Neuen Religiösen Bewegungen bzw. Phänomenen gleichzeitig eine sein, die „für alle passt“? Die offiziellen Partner der BSS scheinen sich als Lobbies von übergeordneten Strukturen nicht vor einer einseitigen Ideologisierung der Thematik zu scheuen. Deren „Informationstätigkeit“ wird aus Sicht einiger identifizierbarer Organisationen wohl „passen“, nicht so für unabhängige Experten, Religionswissenschaftler und Mitglieder von betroffenen Gemeinschaften.

[8] Es gibt in Österreich eine Gesellschaft für Religionswissenschaft (ÖGRW), die in Zusammenarbeit mit den universitären Einrichtungen zu diesen und ähnlichen Fragen Forschungsschwerpunkte setzt. FOREF wäre bereit zu vermitteln.

[9] Die BSS warnt also vor Yoga, Meditation und Entspannung? Das sind Angebote, die nebenbei erwähnt in zahlreichen katholischen Bildungshäusern bereits zu finden sind. Inwieweit sind eigentlich Studierende „gefährdet“, wenn sie in etwa mit einer breiten Auswahl an universitären Sportinstitutskursen zu Yoga, Qi-Gong, Shiatsu, Shakti-Dance, Taiji Quan, Wu-Shu oder Zen-Meditation „konfrontiert“ sind? Die BSS läuft offensichtlich Gefahr sich aufgrund starrer, undifferenzierter Schwarz-Weiß-Muster in ihren Hintergrundprämissen vom gesellschaftlich-öffentlichen Diskurs selbst zu isolieren.

[10] In anderen Worten, „Gruppierungen“ sind latent besonders gefährlich, denn sie halten sich sehr genau an bestehende Gesetze.  

[11] Müller bestätigt hier indirekt die empirische Beobachtung, dass von Neuen Religiösen Bewegungen kaum Gefährdungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ausgehen. Umso mehr wäre die logische Konsequenz einen Pauschalverdacht von "Gruppierungen" kritisch zu hinterfragen, statt real existierende Ängste in der Bevölkerung nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip in einem Zirkelschluss künstlich aufrecht zu erhalten: Weil es noch immer gesellschaftliche Ängste vor „Gruppierungen“ gibt, ist eine BSS zur „Aufklärung“ nötig. Und weil es ja eine BSS gibt, darf man annehmen, dass von „Gruppierungen“ ein besonderes Gefährdungspotenzial ausgeht und daher "Aufklärungsbedarf" besteht.

Die Dynamik dieser – spezifisch im deutschen Sprachraum ausgeprägten – strategischen Projektion einer vagen Gefährdung durch Neue Religiöse Bewegungen wird eingehend behandelt in Schulte, Peter: Neue Religiöse Bewegungen. Gesellschaftliche Dramatisierungsstrategien und soziale Wirklichkeit. Hamburg 2012.

 

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Literaturhinweise im Überblick

  • Endbericht der Enquete-Kommission des deutschen Bundestags „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ vom 29. Mai 1998.
  • Schulte, Peter: Neue Religiöse Bewegungen. Gesellschaftliche Dramatisierungsstrategien und soziale Wirklichkeit. Hamburg 2012.
  • Usarski, Frank: Die Stigmatisierung Neuer Spiritueller Bewegungen in der Republik Deutschland. Hannover, 1987.
  • van Wijk, et al: Het warme bad en de koude douche [Warmes Bad und kalte Dusche]. Een onderzoek naar misstanden in nieuwe religieuze bewegingen en de toereikendheid van het instrumentarium voor recht en zorg. Im Auftrag des niederländischen Justizministeriums, 2013.
  • Witteveen, Tobias: Overheid en religieuze bewegingen. Dissertatie Universiteit van Groningen, 1984.

  

Ressourcen im Internet

 

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Wie könnte ein Beratungsgespräch bei der sogenannten „Bundesstelle für Sektenfragen“ (BSS) aussehen? FOREF hat die Erfahrungswerte zusammengefügt und für die Leserinnen und Leser ein solches Gespräch rekonstruiert. Aber Vorsicht: Bitte mit einer Prise Ironie zu genießen! 

Ein Telefongespräch vor kurzem bei der BSS (1010 Wien, Wollzeile 12)…

„Bundesstelle für Sektenfragen, Grüß Gott?“ – „Ja, Grüß‘ Sie! I hätt da a Sektenfrage und wollt eigentlich mit dem Sektenexperten Herrn Dr. German Müller sprechn. Mit wem sprech i bittschön?“ – „Mit seiner psychologischen Betreuerin." – „Entschuldigen‘S, i  wollt ned störn. Geht‘s dem Herrn Doktor leicht ned gut?“ – „…nuuun, eigentlich betreue ich eh auch Betroffene außerhalb der BSS. Aber Kopfschmerzen hat er schon sehr starke, der Herr Doktor. Es ist einfach der ganze Stress. Seit Monaten arbeitet der Herr Doktor am Tätigkeitsbericht der BSS, denn nach 5 berichtfreien Jahren [Link Report 2008-09] wollen die Steuerzahler endlich wieder informiert werden, was mit den jährlich 400,000 EUR öffentlichen Geldern an unser Büro eigentlich geschieht.“ – „Na ja, des san halt diese lästigen Transparenzforderer. Anyways, i hätt a Problem, könnten’S mi kurz beratn? Meine Frau besucht seit kurzem an Yoga-Kurs. Was soll i bloß mochn? I wül sie jo ned an aner Yoga-Sekten verlieren.“ – „Nun, da müssen wir zunächst einmal differenzieren. Es handelt sich also sachlich gesprochen um eine ‚Gruppierung‘.“ – „Aber is a ‚Gruppierung‘ eh ned desselbe wia a Sekten?“ – „Ja, schon. Nur bei der Bundesstelle für Sektenfragen verwenden wir den Begriff ‚Sekte‘ eigentlich nicht im Zusammenhang mit der Charakterisierung oder Beschreibung von ‚Gruppierungen‘. Das können Sie auch auf unserer Website nachlesen.“ – „Gut, meinetwegen. Aber welche Gefährdung könnt jetzt von dieser ‚Gruppierung‘, zu der meine Frau geht, ausgehn?“ – „Schauen Sie, rechtlich betrachtet handelt Ihre Gattin freiwillig und in Eigenverantwortung. Außerdem ist es eher selten, dass eine offensichtliche Gefährdung besteht, weil die ‚Gruppierungen‘ gelernt haben, das Recht sehr genau zu lesen und sehr darauf bedacht sind, dass sie keinen Rechtsverletzungen auflaufen.“ – „Hörn' Sie, die Antwort passt ned für mi. Wos is jetzt mit der Gefährdung von der alle redn?“ – „Freilich gibt es irgendwie möglicherweise Gefährdungen, aber gemäß §11 der Rechtsvorschrift für die Bundesstelle für Sektenfragen sind wir diesbezüglich zur Verschwiegenheit verpflichtet.“ – „Jo, und wer kann mi dann beratn über den Gefährdungszustand meiner Frau?“ – „Ich verstehe Ihr Bedürfnis nach weiterer Beratung. Wenn Sie einen Moment Geduld haben, vermittle ich Sie gerne an einen unserer Kompetenz-Partner von den theologisch-apologetischen und privat-ideologischen Weltanschauungsreferaten. Sie werden Ihnen sicherlich weitere Auskünfte über das Gefährdungs- und Konfliktpotenzial von ‚Gruppierungen‘ geben können.“ – „Jo, meinetwegen. Grüßen’S ma den Herrn Doktor schön!“ – Klick, tüt tüüüüt….

 


FOREF Europa: Digitale Pressemappe (APA)

 


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